Hieroglyphen und Sonnenaufgänge

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Nach vielen Berufsjahren wagen sich Kerstin Beyer und Sandy Schumann auf völlig neues Terrain: Sie lassen sich bei DB Regio zu Lokführerinnen ausbilden

Birgit Hilbig / DDV Mediengruppe

Sandy Schumann (oben) und Kerstin Beyer am Führerstand der Lok

Neuanfang nach Jahren im Beruf: Quereinstieg bei DB Regio

Nebel und Niesel, Raureif und feuchtes Laub: Schmuddeliges Herbstwetter lässt bei fast allen Fahrern den Adrenalinspiegel steigen. Umso mehr, wenn sie Hunderte Tonnen bewegen und am „Steuer“ noch ziemlich neu sind. So wie Sandy Schumann und Kerstin Beyer, die seit rund einem Jahr in der Quereinsteiger-Ausbildung bei DB Regio stecken und gerade den praktischen Teil auf der Lok absolvieren. „Da beobachtet man die Strecke wie durch einen Tunnel“, berichten sie, „und hat keinen Blick für die Schäfchen am Wegesrand.“

Zwar ist derzeit immer noch ein Fahrtrainer dabei, doch die angehenden Lokführerinnen werden für ganz normale Dienste eingeteilt – unabhängig vom Wetter, auch nachts und am Wochenende. Für all das haben sich beide sehr bewusst entschieden. „Nach 23 Jahren im selben Betrieb brauchte ich eine Veränderung“, sagt Sandy Schumann, die in der Unternehmenskommunikation tätig war. Kerstin Beyer, bisher Vertriebsspezialistin in der Abwasserbehandlung, sah das ähnlich. „Und ich wollte mich auch nicht innerhalb der Branche umsehen, sondern etwas ganz Neues wagen.“

Keine Männerdomäne: Voraussetzungen für den Quereinstieg

Mit ihrem Alter in den Vierzigern und ihren Berufserfahrungen hatten die Frauen schon zwei wichtige Voraussetzungen für den Quereinstieg bei der Bahn erfüllt. Auch die Tests auf gesundheitliche und psychologische Eignung waren kein Problem. „Es gibt auch keine besonderen Anforderungen an Körperkraft und -größe“, so Kerstin Beyer. „Man sollte nur fit genug sein, aus dem Gleisbett heraus in den Führerstand zu klettern.“ Lokführer sei also nicht per se ein Männerberuf.

Die Herausforderungen der Ausbildung

Abgesehen davon, dass sie gern Zug fahren, hatten beide allerdings nie einen tieferen Einblick in den Bahnbetrieb gehabt – die Fachbegriffe lasen sich für sie anfangs „wie Hieroglyphen“. „Das rund 3.000-seitige Regelwerk ist voll davon“, berichtet Sandy Schumann. „Und es genügt nicht, es zu lesen und zu verstehen: Man muss es beherrschen.“ Regelmäßige Lernerfolgskontrollen hätten dafür gesorgt, dass die Auszubildenden dabei „nichts schleifen lassen konnten“.

Die zweitägige theoretische Prüfung, die Kerstin Beyer und Sandy Schumann längst hinter sich haben, umfasst betriebliche und technische, schriftliche und mündliche Teile. Für die praktische müssen sie mehrere Bausteine bestehen, und das in doppelter Hinsicht: Denn sie werden für die beiden E-Lok-Baureihen 143 und 146 geschult. „Außerdem müssen wir in unserem Einsatzgebiet die Streckenkenntnis nachweisen“, sagt Kerstin Beyer. „Dafür müssen wir eine festgelegte Anzahl an Fahrten bei Tag und bei Nacht absolvieren und das abschließend mit unserer Unterschrift bestätigen.“

Die schönen Seiten des Berufs

Ganz so weit ist es noch nicht, aber gefahren sind die angehenden Lokführerinnen schon auf allen für sie infrage kommenden Linien: der S 1 zwischen Schöna und Meißen-Triebischtal, der S 2 zwischen Pirna und dem Flughafen Dresden, der S 3 zwischen Dresden und Tharandt sowie dem RE 50 zwischen Dresden und Leipzig. „Selbst innerhalb eines Dienstes wechseln wir manchmal die Strecke“, so Sandy Schumann. „Und zwei aufeinanderfolgende Tage gleichen sich nie.“

Diese Abwechslung gehöre zu den vielen schönen Seiten des neuen Berufs, für die sich die Mühen der anspruchsvollen Ausbildung lohnen. Kleine Glücksmomente schenken auch freundlich grüßende Fahrgäste oder ein netter Plausch unter Kollegen, die „wie eine große Familie“ sind. Die romantischsten Vorstellungen aber erfüllen, da sind sich Kerstin Beyer und Sandy Schumann einig, die Sonnenauf- und -untergänge über dem Elbtal.

Weitere Informationen

Weitere Infos zu Berufen bei der DB: db.jobs


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