Wenn die Entwerter wegfallen

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Die Verkehrsunternehmen im VVO betreiben in Straßenbahnen, in Bussen, auf den Fähren und an den Bahnhöfen insgesamt über 2.500 Entwerter. Diese sollen zukünftig abgeschafft werden. Warum die Fahrschein-Entwerter wegfallen sollen und welche Alternativen dafür angeboten werden, erklären Martin Haase, Leiter Tarif und Vertrieb beim VVO und Martin Gawalek, Unter­nehmens­bereichsleiter Markt und Verkehr von der DVB im Interview.

Birgit Hilbig / DDV Mediengruppe

Die geplante Abschaffung der Fahrschein-Entwerter wird zurzeit viel diskutiert. Warum hat sich der Verkehrsverbund Oberelbe dafür entschieden?

Martin Haase (l.) und Martin Gawalek wissen, wie ein ÖPNV ohne Entwerter funktionieren kann.

Martin Haase: Die Verkehrs­unter­nehmen im VVO betreiben in Straßenbahnen, in Bussen, auf den Fähren und an den Bahnhöfen insgesamt über 2.500 Entwerter. Viele davon sind nach teilweise 30 Betriebs­jahren am Ende ihrer Lebensdauer angekommen und müssten zeitnah teuer ersetzt werden. Gleichzeitig hat sich das Nutzungs­verhalten der Fahrgäste deutlich verändert: Digitale Tickets und Abo-Angebote wie das Deutschland­ticket gewinnen zunehmend an Bedeutung, während klassische Entwerter-Tickets an Relevanz verlieren. 75 Prozent der Einnahmen im VVO stammen aus Abo-Tickets; zudem werden bereits über 20 Prozent der Einzelfahrscheine und Tageskarten im VVO digital per Smartphone gekauft.

Was kostet der Unterhalt der Entwerter, und wie teuer wäre eine Erneuerung?

Martin Gawalek: Die jährlichen Betriebskosten liegen bei insgesamt rund einer Million Euro. Würden die Verkehrsunternehmen alle bestehenden Entwerter durch neue ersetzen, müssten sie dafür mehrere Millionen Euro investieren.

Wie wird die Entwertung der Papier-Tickets künftig gewährleistet?

Martin Haase: Der Entwerter druckt bei Fahrtantritt die aktuelle Uhrzeit und die Start-Tarifzone auf das Ticket: So werden die räumliche und zeitliche Gültigkeit konkret festgelegt. Wenn es keine Entwerter mehr gibt, muss das schon beim Ticketkauf passieren. Tickets können künftig also nicht mehr auf Vorrat zur späteren Entwertung gekauft werden. Das hat auch zur Folge, dass es die 4er-Karten nicht mehr geben kann. Uns ist bewusst, dass das für einige Fahrgäste eine Umstellung bedeutet.

In welchen Schritten werden die Entwerter abgelöst?

Martin Haase: Ein erster Schritt wurde bereits gegangen, indem die frei verkäuflichen Monats- und Wochenkarten seit dem 1. April nur noch vordatiert ausgegeben werden und somit nicht mehr entwertet werden müssen. Die Umstellung für die restlichen Tickets ist aktuell für 2027 vorgesehen. Damit können dann auch die Entwerter komplett entfallen.

Wie hoch schätzen Sie den Einnahmeverlust durch versehentlich oder bewusst nicht entwertete Tickets?

Martin Gawalek: Eine belastbare und genaue Quantifizierung von Einnahmeverlusten durch nicht entwertete Tickets ist nicht möglich. Grundsätzlich ist jedoch davon auszugehen, dass durch fehlende oder fehlerhafte Entwertung Einnahmeverluste entstehen können. Ein entwerterfreies System mit klar definiertem Gültigkeitsbeginn kann hier perspektivisch zu mehr Transparenz und weniger Fehlbedienung beitragen.

Wie gehen andere Verbünde und Regionen mit dem Entwerter-Thema um?

Martin Haase: Hier gibt es allein schon bei den sächsischen Verbünden Unterschiede. Während im ostsächsischen ZVON-Tarifgebiet die Entwerter bereits weitestgehend abgeschafft wurden, sind diese im VMS und MDV noch flächendeckend zu finden. Aufgrund der hohen Kosten und der veränderten Marktsituation streben aber viele Verbünde die Abschaffung der Entwerter an. In manchen anderen Ländern ist es schon Gewohnheit, Tickets digital zu kaufen.

Welche Alternativen haben Gelegenheitsfahrer zum klassischen Papierticket zum Abstempeln?

Martin Gawalek: Auch künftig wird es verschiedene Möglichkeiten geben, den ÖPNV zu nutzen. Zum einen kann man an Automaten oder in Verkaufsstellen Papierfahrscheine mit festem Gültigkeitszeitraum erwerben, zum anderen stehen Apps wie DVB mobil, FAIRTIQ oder DB Navigator für den digitalen Ticketkauf zur Verfügung. Perspektivisch werden neue Systeme wie
Account Based oder ID Based Ticketing hinzukommen. Ziel ist ein möglichst einfacher Zugang zum ÖPNV – auch ohne Tarifkenntnis oder Vorbereitung.

Parallel reduzieren einzelne Unternehmen bereits die Fahrscheinautomaten. Können Menschen ohne Abo oder App noch spontan Bus oder Bahn fahren?

Martin Haase: Selbstverständlich sind spontane Fahrten weiterhin möglich – schließlich soll auch ohne Entwerter jeder Zugang zum ÖPNV haben. Ist kein Automat vorhanden, kann das Papier­ticket sowohl mit Bargeld als auch mit Karte beim Kundenbetreuer im Zug oder beim Busfahrer im Regionalverkehr gekauft werden. Zudem gibt es in allen Straßenbahnen und Stadtbussen in Dresden mobile Fahrausweisautomaten. Zu möglichen Einschränkungen für einzelne Kundengruppen stehen wir mit den Verkehrsunternehmen im Austausch und werden Lösungen finden.

Weitere Informationen

Dieses und weitere Themen finden Sie in der Kundenzeitschrift des VVO – OberelbeTakt – 2. Ausgabe 2026.


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